
Magdeburgs Bischof Gerhard Feige erklärt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zur „Schicksalswahl“, beklagt mangelndes Demokratieverständnis im Osten und warnt vor der AfD. Gleichzeitig fordert er Dialog und weniger Schwarz-Weiß-Denken. Doch er offenbart ein Demokratieverständnis, das nicht danach fragt, warum so viele Bürger dem politischen System nicht mehr vertrauen.
Gastbeitrag von Peter Scheller
Auf dem Foto der Mitteldeutschen Zeitung blickt uns ein mild lächelnder älterer Herr entgegen. Weißer Bart, offene Gestik, freundlicher Blick. Das Bild wirkt versöhnlich. Die politischen Aussagen von Bischof Gerhard Feige sind deutlich weniger mild.
„Diesmal bin ich angespannter als je zuvor“, sagt er vor der Landtagswahl. Sachsen-Anhalt stehe vor einer „Schicksalswahl“. Die freiheitlich-liberale Demokratie sei in Gefahr. Viele Menschen im Osten hätten sich zwar nach einem besseren Leben gesehnt, aber nicht unbedingt nach einer freiheitlichen Demokratie. Kompromiss, Ausgleich und demokratische Verfahren hätten manche bis heute nicht ausreichend „verinnerlicht“. Das ist starker Tobak.
Hat der Osten Demokratie nicht verstanden?
Feiges Argumentation läuft auf eine bemerkenswerte Rollenverteilung hinaus. Die etablierten Institutionen verteidigen die Demokratie, und ein Teil der Bevölkerung hat ihren Wert offenbar noch nicht richtig verstanden. Vielleicht lohnt sich deshalb ein Blick darauf, was das Wort Demokratie überhaupt bedeutet.
Der Begriff kommt aus dem Griechischen: dēmos bedeutet Volk oder Staatsvolk, kratos beziehungsweise kratein Macht, Herrschaft oder herrschen. Demokratie bedeutet ihrem Ursprung nach also zunächst einmal: Herrschaft des Volkes. Der Begriff ist nicht identisch mit der heute vorherrschenden repräsentativen Demokratie.
Die Verfassung Sachsen-Anhalts erklärt, dass die Staatsgewalt vom Volk ausgeht und unterscheidet ausdrücklich zwischen repräsentativer und direkter Demokratie. Die Landesverfassung ermöglicht mit Volksinitiative, Volksbegehren und Volksentscheid, dass Bürger politische Fragen selbst aufgreifen und unter bestimmten Voraussetzungen sogar gegen eine Entscheidung des Landtags entscheiden können.
Wer also über eine Krise der Demokratie spricht, sollte zumindest die Frage zulassen. Wollen die Menschen tatsächlich weniger Demokratie, oder wollen manche von ihnen nur mehr unmittelbaren Einfluss darauf, was zwischen zwei Wahlen geschieht?
Genau dort setzt dieBasis an. Repräsentative Demokratie soll nicht abgeschafft, sondern durch deutlich mehr direkte und basisdemokratische Mitwirkung ergänzt werden. Der Bürger ist nicht Störfaktor der Demokratie, sondern er ist der Souverän.
Liegt das Problem tatsächlich bei den Bürgern?
Feige beklagt einen raueren Ton, zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken und einen nicht mehr funktionierenden gesellschaftlichen Dialog. Das Misstrauen gegenüber Autoritäten wachse, die AfD schüre dieses Misstrauen und mache Institutionen verächtlich. Aber hier bleibt seine Analyse erstaunlich einseitig. Er stellt nicht die Frage, weshalb Bürger den Institutionen misstrauen. Feige fragt auch nicht, ob politische Institutionen selbst zu diesem Vertrauensverlust beigetragen haben.
Die Verfassung Sachsen-Anhalts sagt über Abgeordnete etwas sehr Wichtiges, was diese scheinen, vergessen zu haben. Sie vertreten das ganze Volk, sind nicht an Aufträge und Weisungen gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. Auch der Landtag erläutert ausdrücklich, dass ein Abgeordneter sich weder nach der Meinung seiner Partei noch nach der seiner Wähler richten muss.
Die Bürger erleben aber etwas ganz anderes. Der parlamentarische Alltag wird durch Parteistrategie, Koalitionsrücksichtnahme und Fraktionsdisziplin bestimmt. Von unabhängigen Mandatsträgern, die ihren eigenen Gewissen verpflichtet sind, ist nirgendwo etwas zu sehen.
Bischof Feige kann man nur raten: Wer das zunehmende Misstrauen verstehen will, sollte nicht diejenigen beobachten, die Institutionen kritisieren. Er sollte die Institutionen selbst untersuchen.
Dialog predigen, aber politische Grenzen ziehen
Besonders auffällig wird der Widerspruch beim Thema Dialog. Das Bistum Magdeburg führt zur Landtagswahl eine eigene Kampagne mit dem Titel „BEWUSST WÄHLEN!“. Eine ihrer Kernbotschaften lautet: „Wir wählen Dialog. Protest reicht nicht.“ Das Bistum erklärt ausdrücklich, gesellschaftlich Einfluss nehmen und Orientierung für die Wahl geben zu wollen.
Gleichzeitig sagt Feige im MZ-Interview über hauptamtliche Kirchenmitarbeiter, die sich politisch für die AfD engagieren: Wer für diese Partei ein politisches Amt ausübe, könne zwar weiterhin Gottesdienste besuchen, aber in der Kirche keine verantwortungsvolle Aufgabe mehr übernehmen.
Die Kirche darf daraus selbstverständlich Konsequenzen für ihre eigenen Ämter ziehen. Es stellt sich aber die Frage, wie weit der propagierte Dialog reicht, wenn die politische Betätigung eines Menschen gleichzeitig über seine Stellung innerhalb der eigenen Institution entscheidet.
Eine kleine Minderheit mit beachtlichem politischem Zugang
Feige weist im Interview selbst darauf hin, dass Katholiken in Sachsen-Anhalt nur eine kleine Minderheit darstellen. Tatsächlich gibt das Bistum ihren Anteil in seinem Gebiet mit etwa drei Prozent der Bevölkerung an.
Politisch bedeutungslos ist diese Minderheit allerdings nicht. Seit 1991 treffen sich die Kirchen in Sachsen-Anhalt einmal jährlich intern mit der Landesregierung. Noch im November 2025 fand ein solches Gespräch mit dem Ministerpräsidenten und nahezu dem gesamten Kabinett statt. Die katholische Kirche entsendet außerdem einen Vertreter in den MDR-Rundfunkrat.
Eine Institution mit solchen Zugängen zu Politik und Öffentlichkeit ist selbst ein politischer Akteur. Wenn sich die Institution unmittelbar vor einer Landtagswahl mit einer eigenen Kampagne einmischt und eine bestimmte Partei fundamental ablehnt, wird sie natürlicherweise selbst zum Gegenstand politischer Kritik. Kirchliche Autorität ersetzt kein politisches Argument.
„Schicksalswahl“ – tatsächlich?
Besonders problematisch ist der Begriff der „Schicksalswahl“. Jede demokratische Wahl kann politische Verhältnisse verändern. Genau dazu sind Wahlen da. Eine Partei, deren Vorstellungen man für falsch oder gefährlich hält, darf man politisch bekämpfen. Dass dieses Privileg aber einer Kirche mit begrenzter Mitgliedschaft zusteht, ist zu verneinen.
Aber wenn schon die Möglichkeit eines unerwünschten Wahlergebnisses zur existenziellen Gefahr für die Demokratie erklärt wird, spricht dies für ein merkwürdiges Demokratieverständnis. Die Bürger dürfen also so lange entscheiden, solange sie „richtig“ entscheiden.
Demokratie muss auch Wahlergebnisse aushalten, die einem Bischof, einer Regierung, einer Partei oder uns selbst nicht gefallen. Wo politische Vorstellungen tatsächlich gegen die Verfassung verstoßen, gibt es dafür rechtsstaatliche Verfahren.
Nicht weniger Demokratie, sondern mehr davon
Bischof Feige hat in einem Punkt recht. Unsere Demokratie befindet sich unter Druck. Die Ursachen liegen aber tiefer, als sein Interview erkennen lässt. Eine Demokratie ist nicht deshalb stark, weil ihre bestehenden Institutionen bedingungslos verteidigt werden. Sie ist stark, wenn Bürger erleben, dass ihre Stimme tatsächlich etwas verändert, ihre Argumente gehört werden und politische Entscheidungen nachvollziehbar sind.
Dafür braucht es offene Debatten statt politischer Lager, unabhängige Abgeordnete statt vorab festgelegter Abstimmungsblöcke und deutlich mehr direkte Mitbestimmung. Demokratie heißt nämlich:
Das Volk ist der Souverän und sonst niemand.
Quellen
Mitteldeutsche Zeitung – Michael Bock: „Bischof Feige vor der Landtagswahl Sachsen-Anhalt: ‚Diesmal bin ich angespannter als je zuvor‘“, 13.08.2026 – https://www.mz.de/wahl/landtagswahl-sachsen-anhalt/bischof-feige-vor-der-landtagswahl-sachsen-anhalt-diesmal-bin-ich-angespannter-als-je-zuvor-4301259
Bistum Magdeburg – „BEWUSST WÄHLEN! Katholische Initiative zur Landtagswahl gestartet“, 05.05.2026 – https://www.bistum-magdeburg.de/aktuelles-termine/nachrichten/bewusst-waehlen-die-katholische-initiative-zur-landtagswahl-am-692026
Bistum Magdeburg – Gespräch der Kirchen mit der Landesregierung Sachsen-Anhalts, 05.11.2025 – https://www.bistum-magdeburg.de/aktuelles-termine/nachrichten/gespraech-der-kirchen-mit-landesregierung-sachsen-anhalts
