Dreimal so viele Sterbefälle wie Geburten

Sachsen-Anhalt kämpft um die nächste Generation

2025 wurden in Sachsen-Anhalt nur noch 11.978 Kinder geboren. Gleichzeitig starben 34.865 Menschen. Während die Bevölkerung altert und schrumpft, wird auch die Geburtshilfe in der Fläche schwieriger. Das ist kein einfacher Ursache-Wirkung-Zusammenhang, aber eine Entwicklung, über die Sachsen-Anhalt dringend reden muss.

Gastbeitrag von Peter Scheller

Eine katastrophale Entwicklung

Die Zahlen des Statistischen Landesamtes sind bemerkenswert. 2025 kamen in Sachsen-Anhalt 11.978 Kinder lebend zur Welt. Das waren nochmals 4,4 Prozent weniger als im Vorjahr und der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung. Gleichzeitig starben 34.865 Menschen. Rechnerisch stehen damit einem neugeborenen Kind fast drei Sterbefälle gegenüber. Das Geburtendefizit beträgt rund 22.900 Menschen. Und der Rückgang ist kein Ausreißer, sondern die Zahl der Geburten sank 2025 bereits im neunten Jahr in Folge.

Hinter diesen Zahlen steckt mehr als eine schlechte Jahresbilanz. Sachsen-Anhalt befindet sich seit Jahrzehnten in einem demografischen Prozess, der sich immer weiter verstärkt. Die 8. Regionalisierte Bevölkerungsprognose des Landes beschreibt einen wesentlichen Grund dafür. 1990 lebten in Sachsen-Anhalt noch rund 673.100 Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 15 und unter 50 Jahren. 2021 waren es nur noch rund 362.200, ein Rückgang um mehr als 46 Prozent. Besonders die Abwanderung jüngerer Menschen nach der Wiedervereinigung hat tiefe Spuren hinterlassen. Frauen, die das Land verließen, gründeten ihre Familien andernorts. Dadurch fehlt heute ein Teil der nächsten Elterngeneration.

Hinzu kommt inzwischen ein weiterer Faktor, denn auch die Geburtenhäufigkeit selbst ist gesunken. Die zusammengefasste Geburtenziffer lag 2023 bei 1,401 Kindern je Frau, dem niedrigsten Wert seit 2009.

Wenn Demografie zur Standortfrage wird

Weniger junge Menschen bedeuten weniger potenzielle Eltern. Weniger Eltern bedeuten weniger Geburten. Eine ältere Bevölkerung führt gleichzeitig zu mehr Sterbefällen. Und mit sinkender Bevölkerung geraten wiederum Einrichtungen unter Druck, die gerade junge Familien benötigen. Das betrifft Kitas und Schulen, Nahverkehr und medizinische Versorgung und auch die Geburtshilfe.

Die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsstationen hat sich in Sachsen-Anhalt seit 1991 halbiert. Damals wurden noch in 36 Krankenhäusern Kinder entbunden, 2024 waren es 18. Im gleichen Zeitraum gingen die Geburten ebenfalls deutlich zurück. 2024 wurden 35,6 Prozent weniger Kinder geboren als 1991. Außerdem ist der Rückgang von Entbindungskliniken kein ausschließlich sachsen-anhaltisches Phänomen. Bundesweit sank ihre Zahl ebenfalls erheblich.

Das Problem liegt deshalb nicht einfach in geschlossenen Entbindungsstationen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie viel wohnortnahe Geburtshilfe braucht ein dünn besiedeltes Flächenland und wie sichert man diese, wenn immer weniger Kinder geboren werden.

Gardelegen zeigt das Dilemma

Wie schwierig diese Frage inzwischen geworden ist, zeigt das aktuelle Beispiel Gardelegen. Das Altmark-Klinikum musste seine Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe zum 14. Mai 2026 aus der regionalen Versorgung abmelden. Das Krankenhaus nennt dafür ausdrücklich zwei miteinander verbundene Gründe, nämlich eine problematische Fachkräftesituation und sinkende Geburtenzahlen. 2016 wurden dort noch 383 Kinder geboren, 2021 waren es 273 und 2025 nur noch 93. Gleichzeitig sei es nahezu aussichtslos geworden, zusätzliches fachärztliches Personal und Hebammen zu gewinnen. Bei so geringen Fallzahlen werde auch die Sicherung medizinischer Erfahrung und Qualität schwierig.

Das Klinikum erwartet nach eigener Einschätzung keine regionale Unterversorgung. Schon vorher hätten viele werdende Mütter Kliniken in Salzwedel, Stendal oder Magdeburg gewählt, insbesondere bei Risiko- und Mehrlingsschwangerschaften. Die Forderung „Jede Geburtsstation muss bleiben“ springt zu kurz. Aber ebenso zu kurz gedacht wäre es, die Entwicklung ausschließlich den Fallzahlen und betriebswirtschaftlichen Zwängen zu überlassen.

Geburtshilfe ist Daseinsvorsorge

Dass Geburtshilfe im ländlichen Raum nicht wie irgendeine Krankenhausleistung behandelt werden kann, erkennt auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) an. Geburtshilfe gehört ausdrücklich zu den basisversorgungsrelevanten Fachabteilungen, für die unter bestimmten Voraussetzungen Sicherstellungszuschläge gezahlt werden können. Für die Erreichbarkeit einer Geburtshilfe gilt dabei eine besondere Schwelle von 40 Minuten Pkw-Fahrzeit. Der G-BA begründet dies ausdrücklich mit den besonderen Bedingungen des ländlichen Raums und medizinischer Vertretbarkeit.

Damit stehen wir und die Politik vor folgenden Fragen: Warten wir, bis sinkende Einwohnerzahlen, geringe Fallzahlen und Fachkräftemangel immer mehr Strukturen unrentabel oder nicht mehr betreibbar machen? Oder entscheiden wir bewusst, welche Infrastruktur ein Flächenland auch künftig vorhalten muss?

Denn eine Region besteht nicht nur aus Straßen, Gewerbegebieten und schnellem Internet. Für junge Menschen und Familien zählen ebenso erreichbare Schulen, Kinderbetreuung, Ärzte, Krankenhäuser, Hebammen und eine verlässliche Geburtshilfe.

Eine geschlossene Geburtsstation führt nicht automatisch dazu, dass weniger Kinder geboren werden. Sinkende Geburtenzahlen machen es aber schwieriger, wohnortnahe Geburtshilfe aufrechtzuerhalten. Und wenn die wichtige Familieninfrastruktur in immer weitere Distanz rückt, stellt sich die Frage, wie attraktiv ländliche Regionen für junge Familien langfristig noch sind.

Ein Land braucht eine Zukunftsstrategie für junge Familien

Die amtliche Bevölkerungsprognose macht deutlich, dass Abwarten keine Strategie ist. Von 2022 bis 2040 könnte die Einwohnerzahl Sachsen-Anhalts nach der 8. Regionalisierten Bevölkerungsprognose von rund 2,15 Millionen auf etwa 1,83 Millionen Menschen sinken. Das ist ein Rückgang von rund 15 Prozent. Besonders betroffen sind viele ländliche Landkreise.

Die Politik Sachsen-Anhalts muss Wege finden, damit junge Menschen hier bleiben, zurückkommen und Familien gründen können. Dazu gehören gute Arbeitsplätze, bezahlbares Wohnen, funktionierende Schulen und Kitas, Mobilität und eine medizinische Versorgung, die auch außerhalb von Halle und Magdeburg erreichbar bleibt.

Die Politik kann niemandem vorschreiben, Kinder zu bekommen. Sie kann aber dafür sorgen, dass Menschen sich ein Leben mit Kindern wieder zutrauen und dass junge Menschen einen Grund haben, in Sachsen-Anhalt zu bleiben.

Für dieBasis beginnt eine Antwort auf den Bevölkerungsrückgang deshalb nicht mit einer einzelnen familienpolitischen Prämie. Sie beginnt bei den Lebensbedingungen, nämlich mit bezahlbarem Wohnen und Eigentum, sicheren Arbeits- und Ausbildungsplätzen, funktionierenden Schulen, erreichbarer medizinischer Versorgung, Hebammen und Geburtsstationen sowie einer Verkehrsinfrastruktur, die auch das Leben im ländlichen Raum möglich macht.

Sachsen-Anhalt verfügt über etwas, das in vielen deutschen Ballungsräumen zunehmend fehlt, nämlich Raum zum Leben. Daraus kann ein Vorteil werden, aber nur, wenn auf dem Land nicht gleichzeitig Krankenhaus, Schule, Busverbindung und andere Einrichtungen der Daseinsvorsorge verschwinden.

Deshalb will dieBasis regionale Krankenhäuser erhalten und bedarfsgerecht modernisieren, das Hebammenwesen stärken, Familien finanziell entlasten, selbstgenutztes Wohneigentum erleichtern, Mittelstand und Ausbildungsplätze in den Regionen fördern und die Mobilität auch außerhalb der Großstädte sichern.

Quellen

Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt – „2025 Rückgang bei Lebendgeburten und Zunahme bei Sterbefällen“, 29.05.2026 – https://statistik.sachsen-anhalt.de/news/news-details/2025-rueckgang-bei-lebendgeburten-und-zunahme-bei-sterbefaellen

Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt – „Zahl der Entbindungskliniken seit 1991 halbiert“, 17.03.2026 – https://statistik.sachsen-anhalt.de/news/news-details/zahl-der-entbindungskliniken-seit-1991-halbiert

Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt – 8. Regionalisierte Bevölkerungsprognose Sachsen-Anhalt 2022–2040: Annahmen und Ergebnisse – https://statistik.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Landesaemter/StaLa/startseite/Themen/Bevoelkerung/Berichte/Bevoelkerungsprognose/4S036-Methodenbericht-Langfassung_8RBP-A.pdf

Altmark-Klinikum – „Abmeldung der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Altmark-Klinikum Gardelegen aus der regionalen Versorgung“, 12.05.2026 – https://www.altmark-klinikum.de/meldungen/details/abmeldung-der-klinik-fuer-frauenheilkunde-und-geburtshilfe-am-altmark-klinikum-gardelegen-aus-der-regionalen-versorgung