
Zum Schulstart beginnt für viele Eltern in Sachsen-Anhalt wieder der bekannte Einkaufszettel-Marathon: Hefter, Stifte, Füller, Arbeitsmaterialien und Schulbücher. Die Mitteldeutsche Zeitung weist darauf hin, dass bereits ein Erstlesebuch etwa 20 Euro kosten kann und dass Schulbücher in Sachsen-Anhalt anders als in Sachsen oder Thüringen nicht grundsätzlich kostenlos bereitgestellt werden. Es stellt sich die Frage, weshalb Familien in einem Bundesland für Schulbücher zahlen müssen, während Nachbarländer Lernmittel als öffentliche Bildungsaufgabe verstehen.
Gastbeitrag von Peter Scheller
Schulbildung an der Ladenkasse
Sachsen-Anhalt bietet eine Schulbuchausleihe an. Die kostet regulär drei Euro pro Schulbuch und Schuljahr. Für Familien mit niedrigem Einkommen oder mehreren schulpflichtigen Kindern gelten reduzierte Beträge. Das ist besser als gar nichts. Aber es bleibt eine Kostenbeteiligung der Eltern.
In Sachsen regelt das Schulgesetz dagegen, dass der Schulträger den Schülerinnen und Schülern die notwendigen Schulbücher grundsätzlich leihweise überlässt. Auch Thüringen arbeitet mit dem Grundsatz der unentgeltlichen Nutzung von Schulbüchern und digitalen Bildungsmedien. Man muss also nicht erst ein bildungspolitisches Raumschiff erfinden. Es reicht ein Blick über die Landesgrenze.
Was würde das kosten?
Die genaue Belastung für den Landeshaushalt hängt davon ab, wie viele Bücher pro Schüler tatsächlich benötigt werden, wie lange sie genutzt werden, wie hoch Ersatzbeschaffungen sind und wie digitale Lizenzen behandelt werden. Eine offizielle, belastbare Gesamtkalkulation wäre genau das, was politisch auf den Tisch gehört.
Der Landtag hatte im Oktober 2025 bereits einen Antrag zur Wiederherstellung der Lernmittelfreiheit auf der Tagesordnung. Dabei sollte die Landesregierung auch kalkulieren, welche Mittel erforderlich wären, um den Lernmittelbestand bei einer durchschnittlichen Nutzungsdauer von sechs Jahren zu erneuern. Der Antrag wurde abgelehnt und ein Alternativantrag wurde beschlossen.
Für eine grobe Größenordnung hilft ein einfacher Überschlag. Im Schuljahr 2025/26 lernen an den allgemeinbildenden Schulen Sachsen-Anhalts 211.854 Schülerinnen und Schüler; an öffentlichen berufsbildenden Schulen kommen rund 39.801 hinzu. Würde man für die allgemeinbildenden Schulen beispielhaft mit acht Büchern je Schüler, 25 Euro je Buch und sechsjähriger Nutzung rechnen, ergäbe das rechnerisch rund sieben Millionen Euro pro Jahr für die Erneuerung des Bestandes. Rechnet man berufsbildende Schulen mit ein, läge der jährliche Betrag in dieser Modellrechnung bei rund acht bis neun Millionen Euro. Selbst bei Sicherheitszuschlägen für Ersatz, Lizenzen und Verwaltung spricht vieles eher für einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag und nicht für eine unfinanzierbare Jahrhundertlast.
Wo ist die Gegenfinanzierung?
Der Landesrechnungshof Sachsen-Anhalt nennt als oberstes Ziel, die Verschwendung öffentlicher Gelder zu verhindern. In seinem Jahresbericht 2025 kritisierte er unter anderem nicht nachvollziehbare Geschäftsführer-Gehälter in Unternehmen mit Landesbeteiligung und zu leicht nach oben anpassbare Vergütungen und Prämien ohne konkrete, überprüfbare Zielvorgaben.
Der Bund der Steuerzahler liefert ebenfalls Beispiele, bei denen man sich fragt, wie viele Schulbücher dafür hätten angeschafft werden können. Für angemietete Ministerialbüros in Magdeburg wurden allein 2025 rund 3,1 Millionen Euro gezahlt, obwohl seit Jahren Flächenreduzierung und stärkere Nutzung eigener Gebäude versprochen wird. Seit Mietbeginn summierten sich die genannten Mietzahlungen bis 2025 auf rund 40 Millionen Euro.
Bei der verzögerten Einführung der elektronischen Akte in Sachsen-Anhalts Justiz kritisiert der Bund der Steuerzahler zusätzliche Kosten in Millionenhöhe. Papier wird ausgedruckt, verschickt, verwaltet, obwohl professionelle Einreicher längst elektronisch arbeiten müssen. Im Jahr 2024 seien mehr als 20 Millionen Euro in Digitalisierung investiert worden, die Umsetzung verlaufe aber nur schleppend.
Und dann ist da noch die Schwimmhalle Weißenfels. Der Bund der Steuerzahler spricht von rund 3,5 Millionen Euro für eine gescheiterte Sanierung, zurückgezahlten Fördermitteln samt Strafzinsen und nun geschätzten 22 Millionen Euro für einen Neubau.
Wenn es um politische Pannen, Fehlplanungen, Dauermieten und Verwaltungsversagen geht, werden schnell Millionenbeträge bewegt. Wenn Eltern aber beim Schulstart entlastet werden sollen, wird sehr sorgfältig nachgerechnet.
Das Ferienmagazin ersetzt kein Erstlesebuch
Die MZ verweist am Ende eines Beitrags auf ein kostenloses Ferienmagazin mit Ausflugstipps für Familien. Das ist nett. Wirklich. Ein kostenloses Ferienmagazin kann die letzten Ferientage retten. Aber Lesebuch für den Erstklässler ersetzt es nicht. Eltern brauchen zum Schulstart keine pädagogisch wertvollen Ausflugstipps als Trostpflaster. Sie brauchen eine Bildungspolitik, die Grundausstattung nicht zur privaten Zusatzrechnung macht.
dieBasis Sachsen-Anhalt steht für eine Politik, die den Alltag der Bürger ernst nimmt. Schulbücher gehören zur Grundausstattung schulischer Bildung. Wer Schulpflicht sagt, muss auch dafür sorgen, dass notwendige Lernmittel nicht zur zusätzlichen Familienbelastung werden. Gerade weil öffentliche Mittel begrenzt sind, müssen sie dort eingesetzt werden, wo sie direkt den Menschen dienen, nämlich bei Kindern, Bildung, Familien und gleichen Chancen.
Deshalb braucht Sachsen-Anhalt:
- eine transparente Kalkulation der Lernmittelfreiheit,
- eine echte Prüfung der bisherigen Schulbuchausleihe,
- eine Gegenfinanzierung durch Abbau unnötiger Ausgaben und
- einen politischen Grundsatz, dass Bildung nicht am Geldbeutel der Eltern hängen darf.
Es gilt auch hier: Der Antrag zählt und nicht der Absender.
Quellen
Landtag Sachsen-Anhalt: Plenarprotokoll zur Lernmittelkostenentlastung – https://www.landtag.sachsen-anhalt.de/plenarsitzungen/transkript?cHash=16e915ccfeb301e61806b03b72033e8d&tx_lsasessions_transcript%5Bspeaker%5D=17279
Sächsisches Staatsministerium für Kultus: „Lernmittel“ – https://schule.sachsen.de/lernmittel-4790.html
Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport: Durchführungsbestimmungen
Thüringer Schulportal: Beschaffung von Lernmitteln – https://www.schulportal-thueringen.de/werkzeuge/schulbuchkatalog
Landesrechnungshof Sachsen-Anhalt: Jahresbericht 2025 – https://lrh.sachsen-anhalt.de/detail/neuer-jahresbericht-veroeffentlicht-19
Bund der Steuerzahler / Schwarzbuch: Teure Bleibe für Ministerialbeamte – https://www.schwarzbuch.de/aufgedeckt/steuergeldverschwendung-alle-faelle/details/teure-bleibe-fuer-ministerialbeamte
Bund der Steuerzahler / Schwarzbuch: Verzögerte Einführung der elektronischen Akte kostet Millionen – https://www.schwarzbuch.de/aufgedeckt/steuergeldverschwendung-alle-faelle/details/verzoegerte-einfuehrung-der-elektronischen-akte-kostet-millionen
Bund der Steuerzahler / Schwarzbuch: Alte Schwimmhalle wird zur Bauruine – https://www.schwarzbuch.de/aufgedeckt/steuergeldverschwendung-alle-faelle/details/alte-schwimmhalle-wird-zur-bauruine
