Gastbeitrag von Peter Scheller

Deutschland übt nicht mehr nur den militärischen Ernstfall. Deutschland übt zunehmend die Einbindung der zivilen Gesellschaft in diesen Ernstfall. Behörden, Verkehrsbetriebe, Kliniken, Rettungsdienste, Unternehmen, Polizei, THW, Verwaltungen und Kommunikationsstrukturen werden Teil neuer Übungsszenarien. Das Schlagwort lautet „Resilienz“.
Hamburg zeigt mit „Red Storm Charlie“, wohin die Reise geht. Die Übung im September 2026 ist mehr als eine Militärübung. Sie ist ein Beispiel für die Vorbereitung ziviler Strukturen auf militärische Szenarien und deren Einbindung in die Kriegsfähigkeit. Für Sachsen-Anhalt ist Hamburg aber nicht das Zentrum der Debatte. Für Sachsen-Anhalt liegt der Fokus entscheidend auf seiner Stellung im Kontext „Drehscheibe Deutschland“.
Steadfast Dart 2026
Die Bundeswehr benennt Sachsen-Anhalt bei Steadfast Dart 2026 ausdrücklich als eines der Bundesländer, die im Krisenfall schwerpunktmäßig von Truppenverlegungen und militärischen Transporten betroffen sein wird. Geübt wurde die schnelle Verlegung der Allied Reaction Force durch Europa nach Deutschland. Deutschland stellt dabei als „Host Nation“ Unterkünfte, Verpflegung, Betankung, Instandhaltung, Abstellflächen, Bewachung, Absicherung und Drohnenabwehr. Auch zivile Unternehmen sind eingebunden.
Damit wird Sachsen-Anhalt nicht bloß Durchfahrtstation, sondern potenzieller Transit-, Logistik- und Sicherungsraum. Straßen, Schienen, Brücken, Rastflächen, Polizei, Verwaltung und private Dienstleister können in militärische Abläufe einbezogen werden. Wenn die Bundeswehr schreibt, Bürger würden über Militärkonvois nur informiert, soweit militärische Sicherheitsgründe dem nicht entgegenstehen, zeigt sich bereits die neue politische Rangordnung. Erst kommt die militärische Lage, dann die Öffentlichkeit.
Operationsplan Deutschland
Der strategische Rahmen dafür ist der Operationsplan Deutschland. Die Bundeswehr beschreibt ihn als militärischen Anteil an der Gesamtverteidigung, der Landes- und Bündnisverteidigung mit notwendigen zivilen Unterstützungsleistungen zusammenführe. Der Plan selbst ist geheim. Schwerpunkt und Ziel sei, wie der Aufmarsch und die Versorgung eigener und verbündeter Streitkräfte im Bündnisfall gewährleistet werden können. Diese Aufgabe sei nicht rein militärisch, sondern gesamtgesellschaftlich. Bei innerer Sicherheit, Verkehrsplanung und Verkehrsinfrastruktur sei die Bundeswehr auf die Mitwirkung der Bundesländer angewiesen.
Sachsen-Anhalt ist dafür organisatorisch bereits eingebunden. Das Landeskommando Sachsen-Anhalt ist nach Angaben des Innenministeriums zentraler Ansprechpartner der Bundeswehr für die Landesregierung in allen Fragen der zivil-militärischen Zusammenarbeit und zuständig für die Zusammenarbeit mit zivilen Dienststellen und Behörden des Landes.
Gefechtsübungszentrum in der Altmark
Mit dem Gefechtsübungszentrum Heer und der Übungsstadt Schnöggersburg verfügt Sachsen-Anhalt über einen zentralen militärischen Übungsraum. Auf dem Truppenübungsplatz fand im Juli 2026 mit rund 650 Einsatzkräften die bislang größte Katastrophenschutzübung Sachsen-Anhalts statt. Der Landkreis Börde betont die realitätsnahen Bedingungen und die Zusammenarbeit verschiedener Behörden und Organisationen. Natürlich ist Katastrophenschutz notwendig. Aber politisch bleibt die Frage, was es bedeutet, wenn zivile Einsatzstrukturen in einer militärischen Übungsstadt trainieren?
Das Gefahrenpotential
Besonders gefährlich ist die schleichende Gewöhnung der Bevölkerung an Kriegsszenarien. Die Gefahr liegt nicht allein in der Zahl der Übungen, sondern dass ihr Umfang erheblich zugenommen hat und die Zivilbevölkerung systematisch eingebunden ist. Besonders gefährlich ist, dass Politik und Leitmedien positiv berichteten. Krieg droht zum „neuen Normal“ zu werden.
Für Sachsen-Anhalt können die Folgen erheblich sein. Verkehrswege könnten für die militärische Nutzung Priorität erlangen. Polizei, Rettungsdienste und Verwaltungen könnten in militärische Planungen eingebunden werden. Kliniken und Rettungsketten könnten im Bündnisfall zusätzlich belastet werden. Kritische Infrastruktur wird durch ihre militärische Nutzbarkeit selbst sicherheitspolitisch wichtig. Damit wird die zivile Infrastruktur zu einem legitimen Ziel für militärische Angriffe.
Fazit
Sachsen-Anhalt wird bei Militärtransporten ausdrücklich genannt. Das Land ist in die zivil-militärische Zusammenarbeit eingebunden und zivile Katastrophenschutzstrukturen üben bereits in militärischer Infrastruktur. Sachsen-Anhalt braucht funktionierenden Katastrophenschutz, robuste Infrastruktur und handlungsfähige Behörden. Aber es braucht keine stille Umwandlung ziviler Strukturen in Bausteine militärischer Resilienz.
Quellen
dieBasis Bundespartei: „Deutschland übt den Ernstfall“ – https://diebasis-partei.de/2026/07/deutschland-uebt-den-ernstfall/
Bundeswehr: „Steadfast Dart 2026“ – https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/steadfast-dart-2026
Bundeswehr: „Gesamtverteidigung: Alles über den Operationsplan Deutschland“ – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/operationsplan-deutschland
Ministerium für Inneres und Sport Sachsen-Anhalt: „Militärische Angelegenheiten“ – https://mi.sachsen-anhalt.de/themen/brand-und-katastrophenschutz/militaerische-angelegenheiten
Landkreis Börde: „Rund 650 Einsatzkräfte proben den Ernstfall – größte Katastrophenschutzübung Sachsen-Anhalts“ – https://www.landkreis-boerde.de/detail/news/rund-650-einsatzkraefte-proben-den-ernstfall-landkreis-boerde-fuehrt-groesste-katastrophenschutzuebung-sachsen-anhalts-durch
