Keine Noten, kein Unterricht, keine Ausreden
Gastbeitrag von Werner Haser
In Sachsen-Anhalt werden Versäumnisse in der Bildungspolitik nicht mehr nur diskutiert. Sie stehen schwarz auf weiß in den Zeugnissen der Schüler. Bei 27.842 Schülerinnen und Schülern fehlten auf dem letzten Halbjahreszeugnis Noten, weil Unterricht in bestimmten Fächern nicht stattgefunden hatte. Betroffen waren nach Angaben des Bildungsministeriums 152 von 739 öffentlichen Schulen. Besonders hart trifft es die Sekundarschulen. Dort erhielen laut MDR rund 41 Prozent der Schülerinnen und Schüler in mindestens einem Fach keine Zeugnisnote. Besonders häufig fehlten Bewertungen in Musik sowie Hauswirtschaft/Technik/Wirtschaft.
Der politische Offenbarungseid
Wenn Kinder keine Noten bekommen, weil Unterricht ausfällt, dann geht es nicht um ein paar Lücken im Stundenplan. Dann geht es um Bildungsweg, Ausbildungsfähigkeit, Chancengerechtigkeit und Zukunft. Der bildungspolitische Sprecher der Linken, Thomas Lippmann, warnte zu Recht, dass dauerhafter Ausfall den Wechsel auf ein Gymnasium oder eine angestrebte Berufsausbildung behindern könne.
Gerade in Sachsen-Anhalt ist das fatal. Das Land braucht junge Menschen, die bleiben, die dort arbeiten, Unternehmen gründen, forschen und Verantwortung übernehmen. Stattdessen erleben viele Familien eine Schule, die ihrem Bildungsauftrag nicht mehr nachkommen kann.

Das gebrochene 103-Prozent-Versprechen
Die Landesregierung wusste von dem Problem. Im Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP steht ausdrücklich: „Wir halten am Ziel der 103-prozentigen Unterrichtsversorgung fest.“ Damit sollte nicht Luxus geschaffen werden, sondern eine Reserve für Krankheit, Elternzeit, Fortbildung und andere Ausfälle.
Die Realität sieht vollkommen anders aus. Das Bildungsministerium meldete für den Stichtag im November 2025 an öffentlichen allgemeinbildenden Schulen nur 93,7 Prozent Unterrichtsversorgung. Bei Sekundarschulen waren es sogar nur 87,0 Prozent, bei Gemeinschaftsschulen 90,7 Prozent und bei Förderschulen 89,3 Prozent.
Genau dort, wo Kinder häufig besondere Unterstützung brauchen, ist der Mangel am größten. Wer das noch als „stabile Unterrichtsversorgung“ verkauft, verwechselt Stabilität mit Gewöhnung an den Mangel. Die Bildungspolitik der Landesregierung in Sachsen-Anhalt ist nichts anderes als Mangelverwaltung.
Hinzu kommt, dass Sachsen-Anhalt weiterhin Lehrkräfte verliert. Nach MDR-Bericht geht jedes Jahr fast die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer zwischen 63 und 66 Jahren vorzeitig in den Ruhestand. Die GEW sieht zu wenig Entlastung und Anreize, um erfahrene Lehrkräfte länger im Dienst zu halten.
Der Lehrerberuf muss gestärkt, nicht verheizt werden
Die von dieBasis veröffentlichte Analyse „Das Ende des Lehrerberufes“ stellt eine grundsätzliche Frage. Muss Schule künftig anders betrachtet werden? Dort wird ein Wandel vom klassischen Stoffvermittler hin zum Lernbegleiter mit mehr Beziehung, Selbstverantwortung, Praxisorientierung, Empathie, Kreativität und individueller Förderung beschrieben.
Ein neuer Bildungsbegriff darf kein Sparmodell sein. „Lernbegleiter“ darf nicht bedeuten, weniger ausgebildete Lehrkräfte, größere Gruppen, mehr digitale Ersatzangebote und noch mehr Verantwortung für überlastete Lehrer zu haben. Eine menschlichere Schule braucht mehr Zeit, mehr Beziehung, mehr Freiheit und mehr pädagogische Konzepte.
Die Krise in Sachsen-Anhalt zeigt daher beides. Das alte System funktioniert nicht mehr in einer Form, die dem Land der Dichter und Denker entspricht. Die Antwort darf nicht lauten, die Anforderungen an Schule stillschweigend abzusenken. Die Antwort muss lauten, Bildung neu zu gestalten, nämlich mit Kindern, Eltern, Lehrkräften und Gemeinden, nicht aus Ministerien heraus über deren Köpfe hinweg.
Bildungspolitik braucht direkte Bürgerkontrolle
Das ist ein zentrales Wahlkampfthema für dieBasis Sachsen-Anhalt. Denn die Schulkrise zeigt exemplarisch, was im Land schiefläuft. Regierungen geben Ziele aus, verfehlen sie, erklären den Mangel zur Übergangsphase und Schüler und Eltern leiden.
Eltern können sich beschweren. Lehrer können überlastet sein. Schüler können Lücken im Zeugnis sammeln. Aber eine echte, verbindliche Kontrolle der Bildungspolitik durch die Bürger gibt es nicht.
dieBasis Sachsen-Anhalt steht deshalb für einen anderen Weg. Bildung darf nicht von Parteiapparaten, Haushaltslogik und Machtinteressen bestimmt werden. Das Rahmenprogramm betont, dass Bildung ein grundlegendes Menschenrecht ist und nicht von wirtschaftlichen oder staatlichen Interessen beherrscht werden darf. Zugleich fordert dieBasis direkte, basisdemokratische Mitbestimmung auf allen politischen Ebenen.
MDR Sachsen-Anhalt: „28.000 Zeugnisnoten fehlen – Lehrermangel in Sachsen-Anhalt“ – https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/unterrichtsausfall-sekundarschulen%2Czeugnisnoten-fehlen-100.html
Ministerium für Bildung Sachsen-Anhalt: „Stabile Unterrichtsversorgung dank herausragenden Einsatzes der Lehrkräfte“ – https://mb.sachsen-anhalt.de/details/stabile-unterrichtsversorgung-dank-herausragenden-einsatzes-der-lehrkraefte
MDR Sachsen-Anhalt: „Viele Lehrer in Sachsen-Anhalt arbeiten nicht bis 67“ – https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/lehrer-ruhestand-massnahmen-lehrermangel-100.html
Koalitionsvertrag Sachsen-Anhalt 2021–2026 von CDU, SPD und FDP – https://www.cdulsa.de/sites/www.cdulsa.de/files/publikationen/finaler_koalitionsvertrag.pdf
dieBasis / AG Bildung & Forschung: „Das Ende des Lehrerberufes“ – https://diebasis-partei.de/2026/05/das-ende-des-lehrerberufes/
