Eine Stimme für die Feuchtkugel!

Der Meinungsbeitrag „Eine Stimme für die Feuchtkugel!“ behandelt die Feuchtkugeltemperatur, RKI-Schätzungen zur hitzebedingten Mortalität und deren mediale Darstellung. Er fordert nachvollziehbare Erklärungen zu Modellannahmen, Unsicherheiten und Grenzen.

Ein Gastbeitrag von Dietmar Sievers

Mein Bekannter, ein braver Spießbürger, fragte mich neulich, warum ich die Entscheidungen unserer Regierung immer kritisiere? Alles sei doch wieder normal. Der Kamerad Schulze mache das schon. Und wenn Didi Hallervorden auch noch seinen Segen gebe, könne man sich doch entspannt zurücklehnen.

Ich hingegen bemängele einen latenten Totalitarismus in dieser Gesellschaft, der auch weisungsgebundene Bundesbehörden wie das RKI zu dummfrechen Bauernfängereien verleitet.

Von der Übersterblichkeit zu den „Hitzetoten“

Die regionale Lückenpresse vermeldet schon fast 16.000 „Hitzetote“ in diesem Jahr und beruft sich auf das Robert Koch-Institut, das in den Sommermonaten „Wochenberichte zur hitzebedingten Mortalität“ veröffentlicht.

Hitzetote

Die Methodik ist simpel: Man filtert die Kalenderwochen mit einer Mitteltemperatur von über 20 °C heraus und erklärt die vom Statistischen Bundesamt gelieferten Zahlen zur Übersterblichkeit in diesen Zeiträumen zu „Hitzetoten“.

Das Modell liefert die gewünschten Ergebnisse: Im Jahr 2026 waren so bis zur Kalenderwoche 37 fast 16.000 Hitzetote zu verzeichnen.

Eine Unterscheidung zwischen „an Hitze“ und „mit Hitze“ wird nicht einmal versucht – wie schon bei Corona. So werden massenhaft Ertrunkene, Unfallopfer und „Gemesserte“ zu „Hitzetoten“.

Die Medien verbreiten marktschreierisch die Botschaft: „Der Klimawandel kostete x Tausend Tote!“

Was die Feuchtkugeltemperatur zeigt

Dabei erhebt die Meteorologie längst täglich Daten zu den realen physiologischen Auswirkungen von Hitze auf den Menschen. Dafür gibt es die „Feuchtkugeltemperatur“.

Ein geeichtes Thermometer wird mit einem Textil umwickelt und feucht gehalten. Gemessen wird die Kühlwirkung durch Verdunstung, wie sie auch beim schwitzenden Menschen entsteht. Diese Kühlwirkung hängt von der Feuchte der Umgebungsluft ab.

In großen Gewächshäusern ist ein Feuchtkugelthermometer durchaus sinnvoll. Ab etwa 30 °C an einem so präparierten Thermometer wird es für den Menschen kritisch. Dann reicht auch die Thermoregulation durch Schwitzen nicht mehr aus. Das Gewächshaus sollte dann besser belüftet werden.

Ein Blick auf Halle

Am 3. August 2026 wurden gegen 18:00 Uhr in Halle (Saale) 33 °C gemessen. Die Feuchtkugeltemperatur wird an Wetterstationen europaweit routinemäßig gemessen. Ein Blick auf das Portal „Kachelmannwetter“ ergab für Halle (Saale) eine Feuchtkugeltemperatur von 21 °C.

Bis zur kritischen Schwelle fehlten also etwa 9 °C. Die Luft war zu trocken, um die Kühlwirkung entscheidend einzuschränken; die Thermoregulation konnte noch wirkungsvoll arbeiten.

Doch diese physiologischen Grundtatsachen berücksichtigt das RKI nicht. Es verwendet einzig die „mittlere Lufttemperatur“.

Aufgabe des RKI ist es, valide Risikoanalysen für die menschliche Gesundheit zu liefern – keine stumpfe Propaganda ohne jeden physiologischen Hintergrund!

Mehr Erklärung, weniger Alarm

Meine Kritik richtet sich gegen eine öffentliche Kommunikation, die aus komplexen Zusammenhängen einfache Gewissheiten macht.

Wenn Behörden Modellschätzungen veröffentlichen, sollten deren Annahmen, Unsicherheiten und Grenzen verständlich erklärt werden. Wenn Medien darüber berichten, sollten diese Erläuterungen mit in den Beitrag – statt auf dem Weg zur Schlagzeile verloren zu gehen.

Die Feuchtkugel ersetzt keine epidemiologische Untersuchung. Aber sie erinnert daran, dass gesundheitliche Hitzebelastung mehr umfasst als eine einzelne Temperaturangabe.

Alternative Medien spotten bereits: „Hitze ist das neue Corona.“ Die „Spritze gegen Hitze“ gehört dabei ins Kabarett, nicht in die medizinische Aufklärung.

Ich ergreife also Partei für die Feuchtkugel. Sie liefert Messwerte statt Sonntagsreden und braucht dafür weder Fraktionsdisziplin noch einen prominenten Fürsprecher.

Sie erinnert uns daran, genauer hinzusehen, bevor wir aus einer Zahl eine Gewissheit machen.

Und das wäre für die politische Debatte schon ein guter Anfang.

Quellen: https://kachelmannwetter.com/de/messwerte/feuchtkugeltemperatur.html https://edoc.rki.de/handle/176904/11174